Bilingualismus
von Annegret Klassert

Allgemeine Informationen
Die Sprachentwicklung bezeichnet man als zwei- bzw. mehrsprachig (auch bi- bzw. multilingual), wenn Kinder im Kontakt mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen. Mehrsprachigkeit allein kann weder eine spezifische Sprachentwicklungsstörung (SSES) auslösen noch diese negativ beeinflussen. Eine SSES wirkt sich immer auf alle Sprachen eines Kindes aus.

Hintergrundinformationen
Bei Kindern, die im Kontakt mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen, unterliegt der Verlauf der Sprachentwicklung einer größeren Variation als bei einsprachigen Kindern. Eine Vielzahl von Faktoren bestimmen die Entwicklungsverläufe in den einzelnen Sprachen. Dazu zählt z.B. wie viel und in welchen Kontexten das Kind mit den einzelnen Sprachen in Kontakt kommt, die Einstellung zur jeweiligen Sprachen und der dazugehörigen Kultur sowie der sozioökonomische Status der Eltern.
All diese Faktoren müssen in der sprachlichen Diagnostik berücksichtig werden. Erst dann kann man eine Aussage darüber treffen, ob das Kind einen adäquaten Sprachentwicklungsstand hat.

Bei mehrsprachigen Kindern muss eine SSES von einer unzureichenden Sprachentwicklung auf Grund von mangelnden Kontakten mit der jeweiligen Sprache abgegrenzt werden. Im letzteren Fall muss vor allem das Sprachangebot erhöht und verbessert werden. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet die Sprachförderung im Kindergarten.

Im Fall einer SSES sollte so früh wie möglich eine gezielte sprachtherapeutische Intervention folgen. Generelle Indikatoren für eine SSES sind ein verspäteter Beginn der Sprachentwicklung in der oder den Erstsprachen und ein langsames Entwicklungstempo in allen Sprachen.
Auch andere Probleme wie z.B. Mutismus (generelle oder situationsspezifische Sprechverweigerung) oder Stottern sind bei zwei- und mehrsprachigem Aufwachsen nicht „normal“. Bestehen diese über einen längeren Zeitraum (länger als 6 Monate) sollten sich die Eltern unbedingt sprachtherapeutisch beraten lassen.

Diagnostik
Zusätzlich zur sprachspezifischen Diagnostik der deutschen Sprache legen wir wert auf den Einbezug des Sprachentwicklungsstandes in der/den anderen Sprache(n). Dies erfolgt über die Befragung der Eltern. Dazu verwenden wir gegebenenfalls Fragebögen in den Herkunftssprachen der Eltern. Außerdem gibt es in unserem Team englisch, russisch und französisch sprechende Therapeutinnen, die auch gezielt bestimmte sprachliche Bereiche unter Einbeziehung der Eltern überprüfen können. Bei bilingual russisch-deutsch aufwachsenden Kindern führen wir eine ausführliche Diagnostik in der Erstsprache Russisch durch mit dem Sprachstandstest Russisch für mehrsprachige Kinder. So kann genau festgestellt werden, ob es in dieser Sprache Entwicklungsauffälligkeiten gibt.

Therapie
Die Therapie am ZAPP wird ausschließlich für die deutsche Sprache durchgeführt.
Ein wichtiger Therapiebaustein, zusätzlich zur störungsspezifischen Therapie, stellt die Elternberatung dar. Sie beinhaltet den optimierten Umgang mit mehrsprachiger Erziehung, sowie die Koordination verschiedener Maßnahmen zur Förderung und Therapie. Bei Bedarf kann Elternberatung auch in englischer, russischer oder französischer Sprache erfolgen.

Wegweiser ins ZAPP
Um zu uns zu kommen, brauchen Sie eine Heilmittelverordnung vom Arzt (Kinderarzt oder HNO-Arzt). Unter der Telefonnummer 0331-2755067 kann dann ein Termin für eine Befunderhebung bzw. die Therapie vereinbart werden. Beide Leistungen werden von der Krankenkasse bezahlt. Informationsgespräche sind jederzeit möglich.